Primärtherapie



Dr. Arthur Janov
der Vater der Primärtherapie

Ich arbeite nun seit 1981 als Primärtherapeut und werde immer wieder mal gefragt, warum ich dieser Therapieform so lange treu geblieben bin. Die Antwort liegt auf der Hand: Ich bin von dieser Therapieform auch nach dreißig Jahren immer noch überzeugt. Was geschieht denn eigentlich in der Primärtherapie? Kurz gesagt: Hier werden all die Gefühle, die so lange erfolgreich verdrängt oder unter dem Deckel gehalten wurden, ins Bewusstsein gebracht und endlich ausgedrückt. Es geht also ums Fühlen und nicht ums Denken und Analysieren und Interpretieren und Kontrollieren und Werten. Und es geht um Mut und Wahrhaftigkeit sich selbst gegenüber.

Primärtherapie, auch als Urschrei-Therapie bekannt geworden, hätte eher den Namen Urschmerz-Therapie verdient. Ja, es kommt im Verlauf der Therapie sehr wahrscheinlich auch zum Schreien und Heulen und Umsichschlagen und was weiß ich. Aber darum geht es letztlich nicht nur. Wenn der Akzent zu stark auf den Ausdruck gelegt wird, besteht die Gefahr, dass das Ganze zur Show wird. Es geht in allererster Linie ums Fühlen. Und mit Fühlen ist Wahrnehmen gemeint. Es geht ums Wahrnehmen dessen, was ist.

Ich habe einmal eher im Scherz ein Primal Urschrei-Meditation genannt. Ich vermute, Arthur Janov wäre damit nicht so ganz einverstanden gewesen. Im Primal ereignen sich zwei Dinge zum gleichen Zeitpunkt: Ein Höchstmaß an Wahrnehmen, an Fühlen und ein Höchstmaß an spontanem Ausdruck.

Wer aus Primärtherapie eine Philosophie zu machen versucht, entfernt sich sehr weit von dem, worum es in der Primärtherapie geht. Primärtherapie hat einen völlig existenziellen Ansatz. Gefühle wollen einfach gefühlt werden. Es besteht die Gefahr, dass bei den vielen frühkindlichen Traumata, die wieder ins Bewusstsein treten, ein Gedanke genährt wird, der etwa diese Botschaft enthält: Die Anderen haben Schuld an meinem Elend und sind deshalb in Zukunft gewissermaßen zum Ausgleich verantwortlich für mein weiteres Wohl und Wehe. Aber das ist Denken und nicht Fühlen und es besteht die Gefahr, dass das zur Ideologie wird und die Realität des erfahrenen Schmerzes damit verdrängt wird. So nachvollziehbar dieser Gedanke, was die Vergangenheit angeht, auch sein mag, schafft er natürlich in der Gegenwart immer nur neues Leiden. So verständlich Wut und Rachegefühle auch sind, wie sehr sie (möglichst in einer Therapie!) auch gefühlt und ausgedrückt werden müssen, wer in ihnen hängen bleibt und sie auf seine Mitmenschen hier und jetzt überträgt, wird aus dem Leiden nicht herauskommen können.

Eines kann natürlich auch keine Therapie leisten: Es gibt keinen Rechtsanspruch auf’s Geliebt- und Umsorgtwerden. Das zu akzeptieren, gehört zum Prozess des Erwachsenwerdens. Eine Therapie kann einen dabei vielleicht unterstützen, sie kann jedoch niemandem diesen oft sehr schmerzhaften Prozess abnehmen.

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