Die Reise des „Helden“

Der Held bin natürlich ich. Nicht weil ich besonders heldenhaft wäre, sondern einfach, weil ich der Held oder Protagonist meiner eigenen Lebensgeschichte bin.

Diese Reise begann, ich weiß nicht wann – für mich mit meiner ersten Erinnerung. Für meine Geburt hatte ich mir einen Zeitpunkt herausgesucht, als gerade die Schlacht um Moskau für die Deutschen verloren ging und damit das Ende des zweiten Weltkrieges eingeläutet war. Herausgesucht habe ich mir natürlich gar nichts, vielmehr fand ich, was immer gerade zu geschehen schien, einfach vor.

In den ersten sechs Lebensjahren finden die grundlegenden Prägungen statt. Diese geschahen in meinem Fall also in den letzten drei Kriegsjahren, mit Flucht, Tieffliegerangriffen, Bomben auf Bunker und Haus und allem, was ein verloren gehender Krieg so mit sich bringt, und in den ersten drei Nachkriegsjahren mit Nahrungsmittelknappheit, Kälte, Besatzung und dergleichen. Hätte ich eine Wahl gehabt, hätte ich mir vermutlich eine etwas gemütlichere Zeit ausgesucht. Aber anders als der Begriff des Helden vielleicht suggerieren mag, hat der Held des eigenen Lebensromans eben nicht die geringste Wahl. Unbewusst erlebte ich dies im Grunde schon immer so, richtig bewusst wurde es mir jedoch erst, als mir mit 18 ein Buch von Meister Eckhart in die Finger kam. Ich begriff, dass der Satz „Dein Wille geschehe!“ im Grunde die Einsicht darstellt, dass dieser unpersönliche Wille bereits schon immer geschieht, ob man das nun wahrhaben will oder nicht.

In diesem Sinn habe ich auf meiner Heldenreise auch das Thema Therapie vorgefunden. Natürlich stand dahinter die Idee, den Verlauf meiner Heldenreise positiv beeinflussen zu können. Wer beginnt schließlich schon eine Therapie ohne diese Hoffnung?! Oft wurde ich gefragt, ob sich denn für mich meine Hoffnung erfüllt hätte. Eine schwierige Frage, impliziert sie doch die Vorstellung, dass es eine feststellbare Ursache für meine jeweilige Befindlichkeit gäbe: Mein Eltern sind schuld an meinen Problemen – meine Therapie ist die Ursache dafür, dass meine Probleme verschwunden sind. Aber das ist eben auch nur eine Vorstellung und nicht mehr.

Rückblickend sehe ich drei Aspekte in meinem Leben, die immer wieder in Erscheinung traten. Der erste Aspekt ist der „außenpolitische“. Damit meine ich den Versuch, die Welt „da draußen“ in irgendeiner Weise in meinem Sinn zu verbessern. Der zweite Aspekt ist der „innenpolitische“. Hier geht es um den Bereich der Therapie, also um den Versuch, die „innere Welt“, also „mich selbst“ zu verbessern. Und schließlich der dritte Aspekt, der über die ersten beiden Aspekte hinausgeht und der auf jedwede Politik und jede Verbesserungsabsicht verzichtet.

Diese drei Aspekte traten zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Weise in meinem Leben in Erscheinung – und immer gleichzeitig mit ihnen „der Held“, Wenn ich mich heute frage, welcher der drei Aspekte den wohltuendsten Einfluss auf das Leben des Helden gehabt hat, würde ich vermutlich sagen: Am wenigsten der erstgenannte und am meisten der letztgenannte. Und der mittlere Aspekt? Therapie kann das Leben wirklich leichter machen, das ist keine Frage. Andererseits – wir sind alle im Gefängnis unserer Vorstellungen gefangen. Therapie kann dieses Gefängnis sehr viel komfortabler machen, indem sie alle Vorstellungen auf den Prüfstand stellt, nur kann sie einen wirklich aus dem Gefängnis befreien? Dies kann letztlich wohl nur der dritte Aspekt, der die Einsicht beinhaltet, dass es noch nie ein Gefängnis gab und wir vollkommen unabhängig von all unseren Vorstellungen genau wie ein Baby einfach nur sind.

Advertisements